Die Sache mit dem Telefon…

…lief dann doch komplett anders als geplant. Oder befürchtet. Es gab wider Erwarten keine Showstopper bei Graphene, ich bin schneller als geplant umgezogen, Google ist aber immer noch „da“, also „irgendwie“, auch auf Graphene. Aber: Ich bin zufrieden. Erstmals. Seit langer Zeit.

tl;dr: Kaum Abstriche, gewohnter Komfort. Dinge neu denken.

Wenn Du hier angekommen bist – echt herzlichen Glückwunsch! Wahnsinn! Du hast wirklich Durchhaltevermögen! Meine Reise war holprig, teils ungewöhnlich aber auch schön. Hier steht der vorerst letzte Abschnitt der Reise. Nach Euren Kritiken bin ich bemüht, etwas weniger technisch zu berichten, kann’s mit meinem „Techsprech“ aber – aufgrund der Materie – nicht komplett sein lassen.

Die Reise begann damit den „goldenen Käfig“ bei Apple zu verlassen. Mit allem gewohnten und auch vermeintlichen Komfort. Das ging auch einher mit einem Bankenwechsel, den ich so auch nicht vorausgeahnt hatte. Mehr erfährst Du hier: (Link).

Der Abstecher über Stock-Android auf der mobilen Ebene bis zuletzt war eher langweilig denn geprägt von Überraschungen. Es funktionierte alles und der wechsel nach Android war für mich weitaus kostengünstiger als befürchtet. Mehr erfährst Du hier: (Link).

Der Abstecher nach Windows hingegen schon. Die kurze Zeit mit diesem Betriebssystem war – mit Verlaub – der wirklich unangenehmste Teil der Reise. Besonders die extreme Unzuverlässigkeit des Betriebssystems (auf Standardhardware) nach jedem Patchday waren für mich kaum zu ertragen. Dazu kam die ständige, ungefragte Änderung von Standardeinstellungen, jene mit Gruppenrichtlinien nicht beizukommen war, sowie eine bislang ungekannte Penetranz, mir AI Slop zu verkaufen. In quasi jedem OS-Tool, was dann plötzlich nicht mehr Bestandteil des OS sondern des Appstores war. Der Wechsel nach Ubuntu wäre fast einem Rückzieher meinerseits zum Opfer gefallen, weil Windows nicht mehr zu ertragen war.

Die Erlösung mit Ubuntu hätte ich vorziehen sollen, es war aber kaum freie Zeit da, dieses Projekt zu stemmen. Während Lenovo mit certified Hardware und dem OEM Kernel alles richtig machte, ist der Hersteller Gigabyte nicht in der Lage, ein stabiles BIOS zu schreiben. Ein Notebook von Lenovo mit Ubuntu zu versehen, ist nicht im Ansatz damit vergleichbar, einen Desktoprechner, wie meinen, mit Ubuntu zu versehen. Als ich das hinter mich gebracht habe, bin ich zum ersten Mal seit langer Zeit mit meinem Desktopbetriebssystem glücklich. Mehr erfährst Du hier: (Link).

Der dritte Umzug…

Mobiltelefone und PIM haben bei mir immer schon eine besondere Rolle gespielt. Es gab so Zeiten, da hatte ich – was das Thema betrifft – mindestens mal einen veritablen „Dachschaden“: Ich betreute z.B. unter dem Pseudonym „joe“ ein kleineres, eher unbedeutendes Forum mit veritabler Nutzeranzahl, einigen vielleicht doch noch bekannt als mobilejoe.de (Link).

Damals hatte Microsoft auf Windows-CE-Basis ein Smartphone-OS herausgebracht, welches Telefone mit T9-Tastaturen unterstützte. Die Dinger (Orange SPV, T-Mobile SDA, Motorola MPX usw.) waren neben dem PocketPC die ersten Telefone, welche Exchange Active Sync (EAS) unterstützten, also komplette PIM-Funktionalität inklusive Push-Mail (vor weit vor EWS, später Graph API).

Zu dieser Zeit war Microsoft Exchange quasi omnipräsent. Neben Forefront TMG eines meiner Lieblingsprodukte von Microsoft. EAS war auch der Konkurrent zu Blackberry. Anders als beim Mitbewerber war damals für den Betrieb keinerlei Zusatzsoftware und Carrier-APNs notwendig – lediglich der Exchange Server selbst (und ein bisschen Internet).

Den Ritterschlag für EAS gab’s von Apple: Denn erst 2008, als EAS auch in’s iPhone einzog, wurde das Ding von Steve Jobs für Businesskasper benutzbar. Das iPhone hat den dann Markt auf links gedreht. Während EAS Blackberry quasi zu Grabe getragen hatte, wurde Microsofts Versuch, mit Windows Phone noch einmal an die Oberfläche zu tauchen, ebenfalls beerdigt.

Viele Weggefährten sind schon früher gestorben, einer blieb jedoch immer als Konkurrent zu Apple dabei: Android. Der Rückzug aus der Cloud ist meinerseits ja inzwischen auch abgeschlossen. Und so ist EAS keine Anwendung mehr, die ich täglich nutze, denn IMAP und CALDAV/CARDDAV. Besonders komfortabel werde ich dabei von Nextcloud unterstützt. Aber das ist ein anderes Thema, vielleicht für einen anderen Blogpost.

2026

Der Android-Markt fußt zunächst auf AOSP (Android Open Source Project). Darauf basierend gibt es dann GMSGoogle Mobile Services„. Die integrieren mit Play Services unterschiedliche Dinge, unter anderem eine Integrity Attestation (z.B. für Banking-/SCA-Apps), den Google Play Store usw.

Diese Dienste darf/sollte man eigentlich nur nutzen, wenn man nach den Regeln von Google spielt. Vorneweg sind das Samsung (One UI), Google (Stock Android), Motorola & HMD (Stock Android), Nothing Phone (Stock Android).

Dann gibt es diejenigen, die GMS gar nicht anbieten dürfen oder wollen. Dazu gehören unter anderem Xiaomi für Mainland China (google musste sich dort zurückziehen aufgrund der lokalen Gegebenheiten – global jedoch weiterhin präsent) und Huawei. Die ehemals zu Huawei gehörende Marke Honor darf jetzt wieder GMS anbieten, nachdem sie verkauft wurde. Das liegt aber nicht an Google, sondern am US-amerikanischen Embargo. Durch die schiere Größe des chinesischen Markts ist HarmonyOS von Huawei tatsächlich ein neuer Player im Markt mit ganz eigenem Ökosystem. Das Embargo der Amerikaner hat Huawei eher nicht geschadet – im Gegenteil.

Dann gibt es diejenigen, die sich nicht „so richtig“ an die Regeln halten wollen, also Hersteller mit Murena (/e/OS) oder die Lineage-Ableger CalyxOS. Die bauen dann GMS / Play-Dienste nach und nennen das dann microG / GmsCore. Das funktioniert jeweils mehr oder weniger gut. Lediglich das nackte LineageOS kommt ohne daher. Ziel der Sache ist, den Apps eine Art „Integrität“ vorzutäuschen, sprich einen Ort, eine Netzwerkverbindung oder Ähnliches. Dabei werden Teile der GMS nachgebaut, um das zu unterstützen.

Für die Attestation gibt es in Google Play / GMS derweil unterschiedliche Label, die man als „Level“ titulieren könnte.

  • MEETS_BASIC_INTEGRITY: grundlegende Systemintegritätschecks bestanden; Gerät kann auch nicht zertifiziert sein, Bootloader kann offen sein.
  • MEETS_DEVICE_INTEGRITY: zertifiziertes Android-Gerät; auf Android 13+ mit hardwarebasiertem Nachweis für gesperrten Bootloader und zertifiziertes OS-Image.
  • MEETS_STRONG_INTEGRITY: zertifiziertes Gerät durch hardwaregestützte Attestierung („strongbox“) plus aktueller Patchstand; auf Android 13+ müssen Sicherheitsupdates des letzten Jahres vorhanden sein.

Dabei hat Graphene – trotz gesperrtem Bootloader – nur Basic Integrity und fälscht (spooft) die eigene Device Integrity auch nicht, trotz anderslautenden Wünschen aus der Community (Link).

Persönliche Meinung: Ein App-Entwickler, der sich für eine SCA-App also auf „MEETS_DEVICE_INTEGRITY“ verlässt, hat keinen Sicherheitsvorteil, er gibt lediglich die Verantwortung (und die Souveränität des Nutzers) ab an Google. Strong_Integrity hat – in Zeiten von Anthropic – mit einem (!)12 Monate(!) alten Patchstand m.E. nun überhaupt nichts mehr mit „sicher“ zu tun. Wenn man’s genau nimmt, ist das hier ebenfalls nichts anderes als ein sehr rostiger, alter Käfig für das Ökosystem von Google.

Graphene

Komplett anders, als die zuvor erwähnten Anbieter, wie z.B. Murena, macht das der freie OS-Hersteller Graphene. Dessen OS kommt erst mal ohne Google Play Dienste / Play Store. Werden die allerdings vom Nutzer nachinstalliert, können diese Dienste von Google jetzt nicht – wie bei gewöhnlichen Android-Devices – direkt auf die Hardware zugreifen, denn sie befinden sich in einer Sandbox.


Das macht das Ganze widerrum extrem interessant. In Verbindung mit dem DNS von z.B. Mullvad (Link) müsste sich hiermit eine erstaunlich datensparsame und zusammen mit Graphene vor allem auch sichere Umgebung auf dem Mobiltelefon herstellen lassen.

Eine Übersicht der unterschiedlichen Ansätze von alternativen OS gibt es u.a. hier: (Link). Auch deswegen habe ich mich für Graphene entschieden.

Kritik? Zweifel? Ja!

Allerdings habe ich zunächst Zweifel, besonders auch am intransparenten Finanzierungsmodell von Graphene. Ich würde die Entwickler gerne kennen. Ich will mir ja nicht etwas einfangen wie EncroChat (Link) oder Anom (Link). Dabei hilft auch wiederum das Finanzierungsmodell, was in der zuvor erwähnten, typischen Form für „solche“ Zielgruppen bei Graphene eben nicht existiert.

Der Vorwurf der französischen Behörden, Graphene sei ein Werkzeug für Drogendealer, halte ich deshalb auch für unbegründet, eher noch für Werbung. Die Flucht von OVH / Frankreich im Jahr 2025 (Link) ist vielleicht auch eine Folge davon. Aber ja. Es gibt hier unstete Verwerfungen, jene möglicherweise aber auch auf intransparenten Vergabeverfahren der französischen Regierung fußen (unbelegbare Annahme meinerseits).

Absolut nicht gefallen will mir trotz alledem das Auftreten von Graphene-Entwicklern ggü. seinem Mitbewerber Murena. Man muss sich in den sozialen Medien nicht so äußern, wie sie es tun, findet z.B. auch Maik Kuketz. Das ist absolut nicht förderlich. Die Hintergründe (nach ein wenig buddeln) aber sind verständlich, denn: Auch nicht förderlich, eher besonders kritikwürdig, ist das Verhalten von Duval & Co., also Murena selbst. Das ganze Ausmaß der Verwerfungen wird im Thread beim erwähnten Maik Kuketz sehr deutlich (Link), sozusagen das Loch an der Erdoberfläche zum Rabbithole der gesamten Verwerfungen. Insofern ist das erwähnte Auftreten nicht nur von Graphene, sondern aller Beteiligten kontraproduktiv, für den Nutzer sogar eher abschreckend.

Eine Entscheidung bis hier ist getroffen: Murena ist komplett raus. Und Damit auch das Fairphone. Käme überhaupt nicht in Frage. Obwohl sie es eigentlich auch schon vorher waren: Rein technisch gibt es überhaupt keinen Grund, auf Murena zu setzen.

Motorola

Würde ich nur die zuvor erwähnten Sachstände kennen, hätte ich mich vermutlich nicht für Graphene entschieden. Eine – für mich – sehr entscheidende Wendung nimmt das Ganze erst seit Kurzem: Motorola steigt mit ein (Link). Motorola ist – neben Lenovo – eines der wenigen Unternehmen, welche „noch“ mein Vertrauen genießen. Möglicherweise könnten die sich auch mal um die Öffentlichkeitsarbeit von Graphene kümmern, merken einige, also nicht nur ich, an.

Warum ich mich für Graphene interessiere

Warum ich den Ansatz von Graphene interessant finde Neben dem gehärteten Code, der dem Nutzer die Kontrolle über das Gerät weiterhin vollkommen überlässt, ist das OS komplett „de-googled„. Trotzdem lassen sich GMS nachrüsten. Das Besondere daran: Die laufen dann in einem Sandkasten, ohne Telemetrie und direkten Zugriff auf die Hardware, wie bei allen Stock Android Derivaten.

Der Vanadium Browser ist quasi Chromium ohne Google in „gehärtet“. Die Favoriten muss jeder selbst rübertragen, ansonsten ist es der gewohnte Komfort.

Darüber hinaus gibt es ein „privates Profil“, in jenem Apps gesondert vom Hauptprofil laufen können. Apps in diesem Profil – wie z.B. Google Maps – können dann nicht auf die Kontakte im Hauptprofil zugreifen.

Außerdem kann ich Apps besondere, tatsächlich „funktionierende, harte“ Berechtigungen zuweisen und/oder beispielsweise komplett den Netzwerkzugriff versagen. Man kann Apps angeben, man habe z.B. gar keine Photos oder im Moment keine Netzwerkverbindung auf dem Gerät. Mit Storage Scopes gibt es zudem sehr granulare Berechtigungen auf den Speicher selbst.

Graphene bietet mit seiner Exploit Protection auch die Möglichkeit, das Gerät „dicht“ zu machen, indem Dinge z.B. einfach mal deaktiviert werden können. Dazu gehört der USB-Port, der im Standardbetrieb nur noch zum Laden benutzt werden „sollte“, automatische Neustarts, Speicherschutz und vieles mehr.

Die Duress-PIN kann mein Gerät sofort unbrauchbar machen. Viele dieser Features kommen aber auch mit einem Risiko: Wenn ich keinen USB-Port habe, kann ich ein gebricktes Gerät auch nicht retten. Duress-PINs sind situationsbedingt ebenfalls gefährlich, wie die fiktive Situation, in jener sich der Nutzer befindet, wenn er diese einsetzt. Immerhin, diese und andere Features existieren, man muss sich mit ihnen auseinandersetzen.

Die Versorgung mit Sicherheitsupdates bei Graphene ist mit „Security Preview Releases“ (als Opt-in) ebenfalls extrem gut. Ich bin damit schneller als das originale Release bei Google, die Quellen sind aber Closed Source, bis das Embargo für die sicherheitsrelevanten Informationen gelöst ist (Link).

Im Vergleich zum klassischen Android auf meinem Pixel sind diese Features derart umfangreich, dass ich mich sowieso erst einmal daran gewöhnen muss, sogar eine Strategie entwickeln muss, welcher App ich welche Berechtigungen ermögliche.

Mir gefällt besonders die Möglichkeit der Sandbox für GMS, denn ich besitze sehr wohl gekaufte Apps aus dem Play Store. Ziel der Sache ist ja, mich schrittweise von den US-Anbietern zu lösen, ich muss das alles nicht sofort machen. Mit diesen Features bin ich – bis auf wenige Ausnahmen – fast alles (ausgenommen Google Wallet) weiterhin zu nutzen.

Die Entwickler gaben im Jahr 2024 auf X an, dass rd. 250000 Geräte Graphene nutzen würden (Link). Das Betriebssystem ist auf diesem Planeten also extrem selten.

Der tatsächliche Umzug

Mein Telefon ist das für mich wichtigste Kommunikationstool. Ohne das Ding geht bei mir überhaupt nichts. Ich wäre ohne Telefon quasi funktions- und bewegungsunfähig. Ohne Graphene selbst und dessen Zuverlässigkeit zu kennen, wäre es für mich verantwortungslos, das Betriebssystem auf meinem im Alltagsbetrieb befindlichen Pixel 10 Pro einfach so zu tauschen.

Ergo: Ein zweites Gerät musste her, um damit „laufen zu lernen“. Angeschafft wurde deshalb zwangsläufig ein Google Pixel, dieses Mal ein 10 Pro Fold. Der Installationsvorgang auf selbigem ist – sofern man sich an die Empfehlungen (in englischer Sprache) konsequent hält – überhaupt kein Problem.

Ein Webkit-Browser wird benötigt. Unter Ubuntu falle ich erst mal auf die Nase, weil ich die Hinweise zu den „udev-Regeln“ im Absatz „Flashing as non-root“ der Dokumentation übersehe. Erst dann geht es erfolgreich weiter, bis ich schlussendlich den Verified Boot Key Hash überprüfe und feststelle, dass alles gut gelaufen ist.

Graphene selbst sieht erst mal aus wie AOSP, mit ohne alles. Es fühlt sich anfangs „etwas“ fremd an. Haptisch bis hin zu Systemklängen oder Apps findest Du zwar alles, aber alles ist erst mal nicht so „schick“ im Design wie bei Google selbst.

Nachinstallierbar sind dann der Google Play Store und die Play Dienste. Der Wechsel zu neuen eSIMs kommt natürlich mit einem problematischen SMSC hinzu, die Carrier wollen informiert werden, auf welchem Gerät denn jetzt SMS ankommen. Bei Dual-SIM-Nutzung natürlich beide.

Wenn ich RCS nutzen möchte, benötige ich die GMS / Play Services und die Google-SMS-App. Ja, das geht. Auch die Kamera-App von Google lässt sich (ohne Netzwerkzugriff – ich nutze Immich für den Bildsync) nutzen. Im Prinzip geht erst mal alles, mit Ausnahme der Google Wallet. Aber die Installation von „allem“ dauert deutlich länger, bis das gehärtete Betriebssystem die Umgebung für die jeweils neue App vorbereitet hat.

Schrittweise gehe ich die wichtigsten Apps durch und überlebe damit erst mal ein Wochenende und bin anfangs etwas genervt. Es funktioniert eben erst einmal recht wenig, da ich sehr strikt mit vielen Apps umgehe und einige wegen ihres Verhaltens tatsächlich auch entsorge. Manch anderes besorge ich mir jetzt aus dem Aurora Store mit anonymer Identität oder von FDROID.

Apps die gar nicht funktionieren sollten, aber prima funktionieren

Die initiale Befürchtung, z.B. PicNic sei erledigt, löst sich in Rauch auf. Es geht. Das konnte ich aber nicht wissen, denn bis heute hat mir PicNic keinerlei Rückmeldung gegeben, ob sie denn mit mir noch möchten oder nicht. Auch Revolut kann ich weiterhin nutzen und Zahlungen freigeben, wider deren Angaben. Ich habe deshalb ja auch schon (komplett umsonst) nach Alternativen gesucht.

Auch bei meiner Bank hatte ich nach Ersatz für deren SCA-App gesucht, brauche den „PhotoTAN„-Leser aber gar nicht, wie zuvor völlig anders von meiner Hausbank angegeben. Wider Erwarten funktioniert selbst deren „PhotoTAN“-App. Die will lediglich keine Kennwörter speichern, was etwas vom Komfort nimmt, mir aber komplett egal ist. Und die Apps der CoBa wollen untereinander nicht sprechen, was aber dem Sicherheitsmodell von GrapheneOS geschuldet ist – also absolut in Ordnung ist. Die Krankenkasse lässt mich ebenfalls nicht das Kennwort speichern, funktioniert aber, das alles jeweils mit GMS.

Ich stelle schnell fest, dass es möglicherweise doch sinnvoll ist, der Horde von Lade-Apps, die ich mit mir rumschleppe, den Zugriff auf den genauen Standort – bei Nutzung – zu erlauben. Sonst sind die einfach nicht nutzbar. Warum die Cookidoo-App meinen Standort will, ist mir schleierhaft, mein Thermomix steht immer da, wo er sonst auch steht. Ein gespoofter Standort würde der Waipu-TV-App wohl guttun. Da ich private Sender eh nicht mehr konsumiere, ist mir das aber auch herzlich egal. Ich könnte mit den ÖR-Apps problemlos klarkommen, für die ich auch (!)sehr gerne(!) meinen Rundfunkbeitrag zahle (aber nicht verstehe, warum die wichtigste und am häufigsten von mir genutzte App plötzlich „ARD Sounds“ heißen muss – WTH?).

Mein Fahrzeughersteller hatte mir ja zuvor schon zugesagt, aber nicht garantiert, dass das funktionieren „müsste“. Die App für meinen Tesla funktioniert exakt wie versprochen, so auch die Entriegelung mit dem Telefon. Wenn ich die Ortungsfunktion nutzen will, muss ich die App allerdings im Profil mit GMS nutzen. Hätte ich GMS jetzt nicht installiert, würden RCS-Chat, meine Banking-Apps und PayPal, DHL, Kleinanzeigen, McDonald’s, die TK-App (Techniker Krankenkasse) und eBay nicht funktionieren.

Der Rest aber eben schon. Von der Entdeckung / Analyse ausgenommen ist die Horde von Lade-Apps, die ich in einem anderen Profil habe, ergo noch nicht durchgehend auf GMS-Featureentzug getestet. Das Unternehmen „Lade-Apps“ ist wirklich etwas umfangreicher, vielleicht etwas für später.

Fazit

So schön die Erfahrung ist, dass es mit Graphene prima funktioniert, das Ganze hat auch einen bitteren Beigeschmack: Viele der zuvor erwähnten Entwickler verlassen sich auf die Integrity Attestation von Google. Das hat mit „sicher“ m.E. aber nichts zu tun, denn selbst uralte Geräte, die seit Jahren keine Updates mehr gesehen haben, bekommen diese Attestation.

Ein gehärtetes, aktuelles Graphene bekommt diese nicht, meines Wissens fehlt lediglich ein Zertifikat und das aufgrund mangelnder Vertragsbeziehung. Verantwortlich für die Einschränkung oder das Fehlverhalten der App ist aber nicht Google, sondern der Entwickler der jeweiligen App selbst. Die Attestation hat also rein gar nichts mit Sicherheit zu tun, denn mit „Verantwortungsabgabe“ gegen Geld. Hinzu kommt, dass es meinem Land und mir die notwendige digitale Souveränität nimmt. Hier kann nur der Gesetzgeber etwas machen. Die Diskussion im Thema digitale EU-Wallet zeigt mir aber, dass die immer noch nicht ins Glas geguckt haben, wie spät das ist.

Dazu ärgert mich, dass wir – was Payment und besonders Mobile Payment betrifft – in Europa am Tropf der Amerikaner hängen. Es ist theoretisch auch möglich, in Nullkommanix den gesamten Laden hier dichtzumachen. Meine Bank bietet momentan kein WERO an.

Ich würde mit WERO gerne ab 2027 bezahlen, also ohne VISA oder Mastercard. Früher hätte ich wie ein Rohrspatz gegen die Öffnung der Bezahlschnittstelle (NFC) bei Apple und Google gewettert – heute verstehe ich das Problem: So ein Zahlungsweg kann auch mal platzen wie eine Gaspipeline in der Nordsee. Ich möchte gerne eine sichere Umgebung auf meinem Telefon und sichere, digitale, europäische Paymentoptionen.

Kritikpunkte habe ich erwähnt. Ich hoffe, dass Motorola da Ruhe und eine gesicherte Finanzierung einbringen kann. Graphene ist auch nicht perfekt. Aber es ist besser als alles, was ich bislang kennengelernt habe. Alles an den Sicherheitsfeatures passt. Die Privacy passt. Ich vertraue dem Betriebssystem.

Ich bin – jetzt – komplett gewechselt. Es fehlt meines Erachtens eine offizielle App-Datenbank mit Konfigurationsempfehlungen für die Privacy der entsprechenden Apps. Das würde m.E. helfen, Probleme bei der App-Installation zu vermeiden.

Auch ist der Webinstaller zwar extrem gut gemacht, allerdings für viele bestimmt eine Hürde. Einige – gut dokumentierte – Sicherheitsfeatures können das Gerät schachmatt setzen, sind für Otto Normalverbraucher aber nichts. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass Graphene bis zum Erscheinen des ersten Gerätes von Motorola in der aktuellen Nische verweilt.

Das im Beitrag erwähnte Gerät ist ein Traum von Hardware. Ich liebe es. Benötige aber noch etwas, bis ich wieder blind damit umgehen kann. Der Touchsensor ist halt woanders und der Formfaktor ist noch nicht ganz in meiner Haptik angekommen.

Gewählt hatte ich die 10 Pro Fold-Variante, da ich mit einem Tablet von Samsung zuvor extremst unzufrieden war, besonders wegen One UI und dem Verhalten des extrem übergriffigen, hauseigenen Appstore.

Es gibt 5 Monate nach dessen Erscheinen Hunderte von Reviews überall. Dazu muss ich nicht auch noch meinen Senf abgeben.

Learning: Es kommt mehr dabei herum, sich mit einer Litfaßsäule zu unterhalten, denn den App-Vendor zu fragen, ob seine App „kompatibel“ sei. Ich habe noch nie so viel komplett unnötigen Bullshit geschrieben bekommen, wie bei Antworten von Herstellern zu diesem Thema.

Ich bin dann mal endlich angekommen. Alle Umzüge sind erledigt. Ich hoffe, die Nachbarn sind OK.

Machts gut.

Der Beitrag wurde nicht gefördert. Niemand hat auf diesen Beitrag Einfluss genommen, dies sind meine persönlichen Erfahrungen. Das erwähnte Telefon ist ein Pixel 10 Pro Fold, differenzbesteuert neu beschafft von Wirkaufens/AsGoodAsNew.