MQA/FLAC/Analog – Wie schlecht sind meine Ohren? Was kann Tidal?

Ich habe mich in letzter Zeit eine Menge mit Musik beschäftigt. Das hängt unter anderem zusammen mit meiner Liebe zu Sony Vintage Audio (Link). Bei den Wiederentdeckungen auf meiner Reise in die Vergangenheit hat mich eine Sache jetzt doch überrascht: Einige Titel hörten sich auf einer uralten Kassette aus meinem Fundus besser an, als Hi-Res Audio, besonders von Tidal – eben jener Anbieter, welcher von so vielen in den Himmel gelobt wird. Ich bin ob meiner eigenen Erfahrungen so verwirrt, dass ich meinen Ohren (beinahe) nicht mehr traue.

tl;dr: Analog ist immer noch am besten. Alles andere verwirrt mich.

Anmerken will ich, dass ich keinesfalls zu den Menschen gehöre, die angeben, eine bestimmte „Auflösung“ der Kompression aus einem Musikstück heraushören zu können. Ich kann aber sehr wohl feststellen, was sich für mich besser, lebhafter, präsenter, klarer usw. anhört.

Zu diesem Artikel kommt es, weil ich die ersten Gehversuche mit „HiRes-Audio“ mache, also hochaufgelösten Stücken, die man sich entweder herunterladen oder bei Diensten, wie Tidal streamen kann. Mitunter dafür habe ich Zuwachs in meiner Audio-Familie: Ein Streamer mit einer ganzen Menge an Funktionen von Onkyo ist dazu gekommen, und ich teste gerade ein Pärchen Nubert-Lautsprecher. Allerdings bin ich enttäuscht, als ich den Streaminganbieter „Tidal“ mit analogen Tonträgern vergleiche.

Kassette wirklich besser?

Dabei sind einige Kassetten von A-Ha, Womack & Womack, u.s.w. Besonders hervorstechen will aber eine Kassette von Michael Jackson, „Thriller“ von 1982. Genauer hingesehen ist es eine Chromdioxid-Kassette mit Dolby B. Mein Hi-Res-Streamer von Onkyo bietet mir auf Tidal 44.1 kHz in 16 Bit für dasselbe Album an. Das sollte für meine kaputten Ohren eigentlich vollkommen ausreichen, um gegen das Tonband anzutreten.

Aber nöö, die Kassette in meinem Sony TC-K711S Kassettendeck schlägt die digitale Kopie von Tidal um Längen. Das Band wird automatisch als Chromdioxid erkannt, ich konfiguriere auf Dolby-B. Mit „besser klingen“ meine ich, dass die Höhen des knapp 30 Jahre alten Tonbands deutlich detailreicher sind, die Stimmen präsenter und der Bass genau so, wie ich ihn mir vorstelle. Besonders Billie Jean hat m.E. eine Bass-Spur, welche jeder nachsummen aber kaum einer nachspielen kann. Das ist so in meinem Hirn abgespeichert, dass ich das immer wieder abrufen kann. Die Spur ist auf diesem Tonband einfach mal um Längen besser, als auf Tidal, auf meinem Onkyo in FLAC, meinem PC, meinem iPhone und meinem iPad mit externem DAC in MQA.

Und ich dachte, MQA sei in Sachen Audio Ultima Ratio

Als Schallwandler werden (am Onkyo, Tapedeck, CD-Spieler) im Moment zwei geliehene Nubert Aktivboxen (x-4000, Link) via schnödes RCA verwendet. Es könnte gut sein, dass ich mir die Dinger irgendwann tatsächlich auch zulege (sofern ich sie mir denn leisten kann). Dazwischen befindet sich kein Verstärker, lediglich der Sony SB-900 als Selektor. Zum Einsatz kommt ein Onkyo NS-6170, den ich mir aufgrund der wirklich positiven Bewertung bei Hans Beekhuyzen zugelegt habe (Link). Besonders die elektrische Verschaltung des Gerätes, und die beiden wahnsinnig guten, separierten Doppel-Mono-DAC’s haben mich überzeugt. Sollte das Ding jetzt wirklich so schlecht sein, wie ich das gerade höre?

Im Gegenteil. Da MAX (Link) für Mac bei mir nicht so will wie ich, muss ich EAC (Link) auf meinem Spielecomputer (mit Windows) anstrengen, um eine Kopie von zwei, drei CD’s in jeweils original WAV und FLAC zu bekommen. Ergebnis: Die CD „I can’t dance“ von Genesis hört sich für meine Ohren auf meinem Sony CDP-XB720 QS CD-Spieler exakt so an, wie die Kopie in WAV oder FLAC auf meinem Onkyo NS-6170. Ich bin zudem nicht in der Lage, einen Unterschied zwischen WAV und FLAC herauszuhören.

Jetzt fehlt mir bislang der Zugang zu MQA-Files,

Der Streamer bekommt einfach kein MQA von Tidal

Wenn ich nicht komplett daneben liege, ist MQA bei TIDAL als „Master“ gekennzeichnet. Mein Streamer will aber kein MQA von Tidal bekommen und spielt partout Flac in 48kHz/24 Bit. Als Beispiel dient mir Moby’s neues Album „Reprise“ auf Deutsche Grammophon. Ich bin der Meinung, dass wenigstens die in der Lage sein sollten, ordentlich zu mastern, FLAC sollte auch in dieser Auflösung für meine Ohren mehr als ausreichend sein.

Mit Verlaub, die CD im zuvor erwähnten Zuspieler hört sich deutlich besser an, als das, was Tidal auf den Onkyo und gottseidank auch auf alle anderen Geräte liefert, inklusive meinen Mac mini liefert, damit kann ich einen Fehler im Onkyo ausschließen. Schallwandler ist im letzten Falle (Mac mini) eine Focusrite bei 96kHz und zwei Studiomonitore von Fostex (PM0.5 MKII) im exklusiven Modus. Die haben zuletzt immer noch gereicht, um Fehler adäquat herauszuhören, sie begleiten mich inzwischen seit fast 10 Jahren.

Und nochmal gehe ich hin und digitalisiere Moby’s Album von der CD selbst. Abgespielt wird dann von einer externen Festplatte am NS-6170. Und wieder einmal höre ich überhaupt keinen Unterschied vom Original im CD-Zuspieler und beim Onkyo. Die Qualität vom Onkyo ist absolut in Ordnung, in diesem Fall identisch zur CD. Aber „Master“ von Tidal sollte doch eigentlich besser sein? Das Gegenteil ist der Fall.

MQA?

Jetzt liegt hier noch die Original-CD „Look for good“ von Jason Mraz / Meinem Nachbarn. Das ist jetzt weniger mein Fall aber immerhin eine Vergleichsmöglichkeit, weil’s das Ding bei highresaudio.com für Siebzehnfuffzich als MQA zu kaufen gibt.

Und die Files kann ich dann auch auf die Tellermine vom NS6170 und auf dem Onkyo schrauben. Ich will mal anmerken, die CD meines Nachbarn ist bei Amazon allemal günstiger und hört sich – sofern man das als Mensch, jener dieser Musik nicht folgt sagen kann – allemal besser an.

Nochmal Kassette:

Die uralten Popkracher „Take on Me“ und „Stay on These Roads“ von A-Ha liegen ebenfalls als Master/MQA bei Tidal vor, jeweils im Album „25“. Was soll ich sagen: Die Kassettenvariante auf Warner’s Dolby-B/HX-Pro Tape von 1988 hört sich – mit Abstand – deutlich besser an, klare Höhen, keine verwaschenen Bässe…

Kurzerhand baue ich das Tapedeck aus, hänge es an meine Focusrite und digitalisiere Aha’s Stay on these roads zu Fuß in PCM. Ergebnis: Der Onkyo spielt die selbst digitalisierte Kopie in meinen Ohren exakt so ab, wie mein Tapedeck das Original. Und das um ein vielfaches besser als Tidal.

FLAC doch besser als CD?

Jetzt bekommst Du ja bei allen Stores zu Deinen CD oder Minidisc-Bestellungen auch die PCM oder FLAC-Variante zum Download. Im Anjunastore kann ich mir die Testderivate z.B. sofort laden. Alle modernen Stores bieten das an, Anjuna, Beatport, Bandcamp, usw. Ich hatte mir über die letzten Jahre dort die komplette Sammlung von Anjunadeep als CD zugelegt und kann immer noch auf die FLAC-Files zugreifen.

Ergebnis: Das komplette Album spielt sich in FLAC – heruntergeladen aus dem Anjunastore – auf dem Onkyo besser als die gekaufte CD. Besonders bei den Höhen. Du kriegst die Tür nicht zu. Ich komme jetzt einfach nicht mehr hinterher. Anmerkung: Das ist mein rein subjektivver Eindruck. Möglicherweise bin ich den Tag über auch schon verwirrt, meine Ohren sind durch oder ich habe vielleicht zu viel Kaffe getrunken (Korrektur – Auch am Folgetag bleibt dieser Eindruck). Mangels Mess-Equipment und Kenntnis gängiger Verfahren bin ich auch nicht in der Lage herauszufinden, ob meine „gefühlte Akustik“ mit der tatsächlichen Realität übereinstimmt. Der Raum, in dem ich höre, ist außerdem alles andere als optimal. Trotzdem hört es sich für mich in FLAC auf dem Onkyo besser an, als auf der CD.

Enttäuscht von Tidal

Tidal sollte mir eigentlich die Qualität bringen, die ich ansonsten in FLAC habe. Aber die bekomme ich da – gehört – nicht. Wenn HiFi-Studioqualität draufsteht, muss der Prozess auch stimmen. Ich wäre auch sehr gerne bereit, die 10 Euro zusätzlich für das HiFi-Abo zu zahlen. Mit Verlaub, ich fühle mich doch ein wenig verschaukelt. Ich kann dann auch mit Spotify weitermachen, wenn das so viel gelobte Tidal in der Performance abliefert, wie’s gerade bei mir gefühlt seinen Dienst tut.

Es ist durchaus eine gehörige Portion Enttäuschung da, wofür mein Onkyo-Streamer offensichtlich nichts kann, obwohl ich ihn auch sehr wohl zugelegt hatte, um Tidal zu nutzen.

MQA, II (Update 09.06.2021)

Zuletzt finde ich einen Beitrag (mit belegbaren Fakten) auf Youtube, welcher ein wenig Licht in’s Dunkle bringt (Link). Offensichtlich ist Bob Stuart’s so viel gelobte und angepriesenes MQA dann doch nicht das, was ich erhofft habe. Dann gibt es auf der anderen Seite „die MQA-Fraktion“. Laut Hans Beekhuyzen sind möglicherweise auch DAC-Issues (Link) ursächlich für ein Problem. Allerdings habe ich mir ja exakt diesen DAC von @ONKYO_DE zugelegt, jenen Beekhuyzen auch empfohlen hatte. Dann höre ich Paul McGowan zu, welcher in etwa sagt: MQA ist ziemlich großer Mist, aber wir bauen das ein, weil unsere Kunden das wollen (Link). Viel eher sollte man auf DSD setzen – was Onkyo übrigens ebenfalls unterstützt – mir fehlen aber die Bezugsmöglichkeiten.

Es gibt noch weitere Artikel, wie z.B. Digital Done Wrong „The guitar pick attack transients from MQA were not at all strong, tactile, coherent, or real. Instead, these (…) were literally eviscerated by MQA“ auf (Link). Und genau so hat sich das für mich angehört: „Ein wenig verwaschen“. Digital Done Wrong verwendet hierfür den Begriff „ausgeweidet“. „Master“ für diese Soundqualität zu verwenden, halte ich für zumindest als leicht übertrieben.

Das waren die Informationen, die mir anfangs fehlten. Möglicherweise hätte ich zuletzt dann auch auch andere Kaufentscheidungen getroffen.

Was kann ich denn überhaupt hören? Wie lässt sich das mit Fakten untermauern?

Vielleicht mache ich ja auch irgendetwas falsch. Oder mein Equipment passt nicht. Inzwischen zerbreche ich mir meinen Kopf über Kompressionsstandards, Qualitäten und allerlei Dinge in audiophilen Regionen. Ich stolpere über viele Menschen, die m.E. eher eine Meinung haben aber keine Fakten präsentieren können. Das nervt wirklich sehr.

Inzwischen bin ich wenigstens an einem Punkt angekommen, dass ich sehr wohl glaube, dass ich mit FLAC nicht viel falsch machen kann. Allerdings fehlt mir hierfür noch der passende Streaminganbieter, denn Tidal ist aus zuvor genannten Gründen raus. Oder ich muss selbst erstellen oder herunterladen, denn das, was ich da bislang von den namhaften Streaminganbietern geliefert bekomme, ist großer Mist. Und damit habe ich eigentlich nicht gerechnet.

Und doch hört sich eine schnöde Kassette noch einmal besser an.

Nochmal zusammengefasst – bzw. was für ein Durcheinander von für mich nicht zueinander passenden Fakten:

  • Tidal + MQA sind nicht mal ansatzweise so gut, wie angenommen
  • Selbstdigitalisiert ist besser
  • In meinem Haushalt gibt es fast nichts, was mit einem analogen Speichermedium (Kassette) mithält
  • Ein FLAC aus einem Store ist gefühlt besser als CD

Warum ist das so?

Ich verstehe das nicht wirklich. Eigentlich bleiben gerade nur noch mehr Fragen offen, da meine Annahmen, die ich bislang hatte, komplett mit meinen aktuellen Erfahrungen kollidieren. Ich zweifle inzwischen auch an meinen Ohren. Sind die ob der vielen Festivalbesuche schon kaputt?

Immerhin ist mir inzwischen bekannt, dass Alben unterschiedlich gut produziert und gemastert werden. Je nachdem welches Studio gewählt wird, kann das, was da hinten rauskommt, völlig vermurkst sein. Dass eine DG-Classic (Beispiel Moby) irgendwas vermurkst, kann und will ich mir nicht vorstellen. Und genau das will MQA auch definieren, sprich den weg in’s Digitale und wieder zurück. Das ist m.E. gründlich misslungen.

Vielleicht ist aber auch meine digitale Hardware nicht gut genug. Warum ist „Master“/MQA auf Tidal bei mir so schlecht? Warum sind meine eigenen Digitalkopien oder jene, welche ich aus den Musikstores herunterlade, so viel besser? Warum kann bislang wirklich nichts mit einer „Analogkassette“ aus dem letzten Jahrhundert mithalten?

Ich meine, wir müssten das 2021 doch besser können? Das kann doch nicht sein, dass alle modernen und hochgelobten Errungenschaften schlechter sind als das, was wir schon hatten? Oder sind unsere/meine Ohren ob der vielen Umwelteinflüsse schon so schlecht geworden, dass wir überhaupt nicht mehr richtig hören können? Ich befürchte fast, dass – sofern ich mir wieder einen Plattenspieler zulege – meine Erfahrung noch einmal eine andere sein wird…

An der CD geht für mich auch mittelfristig kein Weg vorbei, so schön das Streaming auch ist.

Titelbild: Eigene Fotografie.